In einem russischen Buch von 1970
finden wir interessante Bemerkungen über das Binntal.
Die Autoren lebten und arbeiteten einige Jahre in der Schweiz und
hatten Gelegenheit eine Anzahl Regionen und Orte zu besuchen und
mit dem täglichen Leben der Schweizer bekannt zu werden. Ihre
Eindrücke haben die beiden Autoren anschaulich in einem Buch
beschrieben, das 1970 in Moskau erschien. Das Buch richtete sich an
die russischen Leser, die sich zum ersten Mal mit der Schweiz
bekannt machen wollten. Nachstehend ein Abschnitt über das
Binntal und seine Kristalle mit den Augen der beiden russischen
Autoren. Diese besuchten auch das Dorf Ernen, rühmten seine
Lage, seine Kultur und erwähnten die Telldarstellung am
Tellenhaus, und wie sie im Gasthaus eine Assiette valaisanne
– eine „harte mittelalterliche Speise” genossen,
die nur mit genügend Wein in den Magen hinuntergespült
werden konnte.
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„Südwestlich von Ernen führt ein Weg ins Binnental – das letzte Seitental des Wallis mit einer ständigen Bevölkerung die übrigens nicht mehr als 200 Personen zählt. Dieser Weg ist seit altersher als steil, gefährlich und schwierig bekannt. Zur Umgehung der Schwierigkeiten wurde vor kurzem ein langer Tunnel geschlagen. Dieser Tunnel ist ziemlich eng und schmal; darin sickert an vielen Stellen Grundwasser hinunter. Nachdem die Natur dem Reisenden auf dem Weg ihre ganze wilde Kraft erzeigt hat, begegnet sie ihm im Herzen des Binntales mit den weichen Farben der grünen Abhänge und den schneebedeckten Gipfeln. Die Siedlung Binn besteht nur aus einem kurzen Strässchen, einer gebogenen Brücke aus dem 16. Jahrhundert. über den Fluss Binna und der Kapelle St. Antonia. Von hier aus kann man nur in der umgekehrten Richtung fahren. Die Siedlung befindet sich wie auf dem Grunde eines tiefen Trichters, von wo aus sich nach allen Seiten steile Felsen erheben, mit Pfaden vollgezeichnet. Ins Binntal fährt man dazu, um angetan mit schweren beschlagenen Schuhen, auf die Berge zu steigen, die seit langem von den Geologen aus ganz Europa besucht werden, denn das Tal ist berühmt für seine aussergewöhnlichen Bergkristalle. Bis zum ersten Weltkrieg betrieben fast alle Einwohner des Binntales die Kristallsuche. Die erfolgreichsten unter ihnen fanden manchmal ausgezeichnete Exemplare im Werte von 200–300 Franken. Vor verhältnismässig kurzer Zeit erzielte ein Kristallsucher 800 Franken für einen dunklen Kristall im Gewicht von 34 kg. Die wertvollsten Funde fallen aber doch ins Jahr 1775, als unmittelbar beim Taleingang Kristalle von einer Länge von einem Meter und etwa 700 kg gefunden wurden. Der allergrösste und interessanteste Kristall aus dem Binntal schmückt jetzt die Sammlungen des Nationalen Naturhistorischen Museums in Paris, wohin ihn seinerzeit Napoleon entführte, der grosse „Liebhaber” von Seltenheiten aus fremden Ländern...” |
Quelle:
V.L. Krascheninnikov und G.P. Dragunov: „Schweizarija znakomaja i neznakomaja”, Moskva 1970
Übersetzt von Ed. Tschabold